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Im Sommer 1992 beauftragt der Musiker Ewald Pfleger das Splitterwerk mit der Koordination einer kleinen Baustelle in Judendorf-Straßengel bei Graz.
4 Jahre nachdem er mit dem Hit "Live is life" mit der Gruppe Opus um den Erdball getourt war sollte dies den Beginn einer fast ein Jahr dauernden sehr intensiven Zeit der Zusammenarbeit markieren.
Im Erdgeschoß eines einstmals als bäuerliches Wohnhaus genutzten Gebäudes sollten die notwendigsten Maßnahmen ergriffen werden um ein kleines Tonstudio für den Eigenbedarf des Ewald Pfleger zu realisieren, das bedeutete, einige Türen mußten in ihrer Lage versetzt und eine Mauer abgebrochen werden. Diese Umbaumaßnahmen, ursprünglich auf eine Gesamtnutzfläche von ca. 100 M2 Nutzfläche und dem Einsatz sehr bescheidener Mittel beschränkt, hätten wohl kaum noch den Anspruch darauf erheben dürfen Architektur zu. Aus Gründen der Kostenersparnis wurden die Abbrucharbeiten mit Freunden des Musikers und vorerst mit viel Elan begonnen, fanden ihre Fortsetzung jedoch bald darin, daß im nächsten Schritt viele Freunde bereits wenige waren und das gesamte Splitterwerk vorerst nicht mit Entwurf und Planung, sondern mit dem Überdecken der Dachziegel Beschäftigung fand.
2 Die anfängliche Unsicherheit des Bauherrn schwindet mit den ersten Anzeichen neuer Spuren in den alten Innenräumen des um 1870 errichteten Hauses. Immer augenscheinlicher wird die Lust des Musikers. Aus dem einfachen Raumgefüge, nur wenig besser als sein bisher benutztes Proberaumstudio in einer adaptierten Garage, könnte doch mehr entstehen als einige für den Hausgebrauch gut funktionierende Räume. Das Raumprogramm wird aufgestockt, das gesamte Erdgeschoß wird nun in das Konzept eingebunden. Aus Koordinatoren für einen kleinen Umbau werden nicht nur Planer und Entwerfer sondern auch immer häufiger Handwerker. Handwerker, die vor Ort Entscheidungen treffen müssen, die auf die Überraschungen, die der Ort immer wieder eröffnet, reagieren. In dieser Zeit entstand auch der erste und einzige Plan für dieses Bauvorhaben. Dieser Plan im Maßstab 1:100 reagiert auf die Gesamtheit des Gebäudes und zeigt bereits einen später möglichen Ausbau des Dachgeschoßes. Lediglich das Erscheinungsbild nach außen hin entzieht sich durch eine vertragliche Vereinbarung bereits zu diesem Zeitpunkt jeglicher Veränderung. 3 Der Prozeß des Bauens führte innerhalb kürzester Zeit bei allen Beteiligten zu einer sehr intensiven Bindung an das Bauwerk. Der Bauherr entschließt sich, ermutigt durch erfahrbare Erfolgserlebnisse an den sich verändernden Räumen, zu einer Vollausbauvariante, allerdings bei Einhaltung des groben Kostenrahmens für den baulichen Teil. Die "Recorder Studios", so der Name, sollen den Vergleich mit den modernsten Tonstudios in Österreich nicht scheuen müssen und auch als Mietstudios Verwendung finden. Der bis dahin eingeschlagene Weg, alle Entscheidungen vor Ort zu treffen, was sich bedingt durch das kleine Bauvolumen und den geringen Gestaltungsmöglichkeiten als durchaus gangbar erwiesen hat, sollte trotz der nunmehr auf fast 350M2 erhöhten Nutzfläche und der stark gestiegener funktioneller und technischer Komplexität konsequent weiterverfolgt werden. Die Improvisation, die "Session" am Bau, behagte dem Bauherren als eine ihm bekannte Methode der kreativen Gestaltung. In dieser Phase entschlossen wir uns gemeinsam, um den nun extrem engen Kostenrahmen nicht zu sprengen, die Helfer aus dem Freundschaftskreis des Bauherren auch für Leistungen einzusetzen, die sie von ihrem hanwerklichen Können her überfordern werden. Aus dem Projekt "Recorder Studios" entwickelte sich auf diese Art ein neuer Zugang zum Erlebnis des Bauens. 4 Doch ist dieser Weg des bauenden Entwerfens immer ein Grenzgang. Die Grenzen und Probleme waren vielfältig und nur zu oft jenseits jeder herkömmlichen Herausforderung aus Planung und Bauleitung. Täglich und häufig nächtlich, mußte auf die Erfordernisse des Ortes und sich plötzlich ändernder Rahmenbedingungen reagiert werden. Allein aus der Tatsache hauptsächlich freiwillige, ungelernte Helfer zu beschäftigen entstand eine unglaubliche Situationsvielfalt, die unsere organisatorische Kreativität und bauliches Fachwissen bis an die Grenzen belastete. Zusätzlich zu den gewöhnlichen Bauleitungsaufgaben mußten völlig ungewohnte Maßnahmen gesetzt werden, um den besonderen Umständen gerecht zu werden. Arbeitseinteilung, Beschreibung des Zieles jeder Teilarbeit und Vorschlag einer Methode, Materialbestellung, Materialtransport und -verteilung, Kontrolle der Leistung, Kritik, Belehrung und Motivation und vieles mehr verdeutlichte Bauen als individuelle Herausforderung, als Ringen mit dem Bauherren, den Arbeitern und ungelernten Hilfskräften, dem Material, dem Wetter und mit der eigenen Unzulänglichkeit, immer mit dem Ziel dem Objekt Gestalt zu geben, es zu formen. Jeden dieser Millionen Quadratzentimenter von Oberflächen mehrmals genau betrachtet, erfühlt und gestaltet zu haben, ständig reagierend auf den sich im eigenen Innerern abbildenden Eindruck, wird das sich verändernde Gebilde selbst zum Motor für die Entwicklung der Form. Gerade dieses sich an der Grenze bewegen und das Erlebnis über die Tiefe von Gebautem, über jene Bereiche die über/unter die Oberflächen des schlußendlichen Objektes hinausgehen, ist das Besondere an diesem Projekt und macht es aussagekräftig über unseren andauernden Versuch Architektur individuell neu zu interpretieren! |